Im Notfall zählt jede Sekunde
28.09.2026 | 12.00 Uhr
Schülerinnen und Schüler lernen bei der „Woche der Wiederbelebung“, wie sie im Ernstfall richtig handeln – und warum Helfen oft einfacher ist, als gedacht.
Kirchheim, 28. September 2026 – „Was mache ich, wenn jemand plötzlich bewusstlos vor mir liegt?“ Eine Frage, auf die die meisten Jugendlichen vermutlich nicht sofort eine Antwort parat haben. Genau das soll sich nach diesem Vormittag ändern. Im Rahmen der bundesweiten „Woche der Wiederbelebung“ bringen die medius KLINIKEN gemeinsam mit dem DRK Schülerinnen und Schülern bei, was im medizinischen Notfall wirklich zählt: Ruhe bewahren, Hilfe holen und handeln.
Dafür verwandeln sich fünf Klassenzimmer am Schlossgymnasium in Kirchheim für einige Stunden in eine kleine Notfallstation. Die Schülerinnen und Schüler durchlaufen fünf verschiedene Stationen und dürfen dabei vor allem eines: selbst ausprobieren. Begleitet werden sie von einem Team bestehend aus medius KLINIKEN- und DRK-Mitarbeitenden: Michaela Laps – Leitung Freiwilligendienste/Praktika medius KLINIKEN, Cristina Azevedo Pereira – Physician Assistant Klinik für Akut- und Notfallmedizin medius KLINIK NÜRTINGEN, Mario Ziebell – Notarzt und Facharzt für Anästhesiologie medius KLINIKEN, Nina Heckel – Koordination Bildung/FSJ DRK, Franzisca Laun – DRK-Ausbilderin, Florian Kronmüller – DRK-Ausbilder.
An einer Station liegt eine Reanimationspuppe auf dem Boden. Jetzt wird es praktisch: Hände auflegen, Arme durchstrecken und kräftig drücken. Bei der Herzdruckmassage kommt es vor allem auf den richtigen Rhythmus und ausreichend Druck an. Als Orientierung hilft ein Klassiker der Musikgeschichte: „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees. Der Rhythmus des Songs entspricht ungefähr der empfohlenen Frequenz von 100 bis 120 Kompressionen pro Minute. Nach kurzer Zeit wird aus anfänglicher Unsicherheit eine erstaunliche Selbstverständlichkeit.
Auch der Defibrillator, kurz AED, verliert seinen Schrecken. Die Jugendlichen erfahren, dass die Geräte keineswegs nur etwas für medizinisches Fachpersonal sind. Im Gegenteil: Ein AED führt Ersthelfer Schritt für Schritt durch die Anwendung und gibt selbstständig vor, wann ein Schock erforderlich ist. „Viele haben zunächst Respekt vor einem Defibrillator. Dabei muss man eigentlich nur zuhören und den Anweisungen des Geräts folgen“, erklärt Nina Heckel. „Das Wichtigste ist, dass man überhaupt anfängt zu helfen.“
Denn genau darum geht es an diesem Vormittag: Berührungsängste abzubauen. Niemand soll im Ernstfall daneben stehen und aus Angst, etwas falsch zu machen, gar nichts tun.
Was bei einer Bewusstlosigkeit zu beachten ist, lernen die Jugendlichen an einer weiteren Station. Wann kommt die stabile Seitenlage zum Einsatz? Wie bringt man einen Menschen überhaupt in die richtige Position? Und woran erkennt man, ob eine Person noch normal atmet? Schritt für Schritt zeigt Michaela Laps, worauf es ankommt. Dabei wird schnell deutlich: Auch wenn im Ernstfall die Aufregung groß ist, muss niemand ein medizinisches Lehrbuch auswendig kennen. „Ihr müsst nicht alles perfekt machen. Entscheidend ist, dass ihr nicht einfach weggeht, sondern Hilfe holt und etwas tut“, sagt Michaela Laps den Schülerinnen und Schülern.
An der Station „Stürze und Verbände“ wird es ebenfalls praktisch. Die Jugendlichen üben, wie Wunden versorgt werden und was beispielsweise bei einer starken Blutung zu tun ist. Auch der Druckverband gehört dazu. Die Botschaft ist klar: Ein Erste-Hilfe-Kasten allein hilft noch niemandem – man muss auch wissen, was man mit seinem Inhalt anfangen kann.
Dass ein medizinischer Notfall nicht immer spektakulär aussehen muss, zeigt die Station zu allergischen Reaktionen. Was passiert bei einer schweren allergischen Reaktion? Woran erkennt man einen Notfall? Und wie funktioniert eigentlich ein EpiPen? Die Schülerinnen und Schüler dürfen den Umgang mit einem Übungsgerät ausprobieren und erfahren, warum im Ernstfall schnelles Handeln entscheidend sein kann. „Gerade bei einem EpiPen ist es wichtig, keine Angst vor der Anwendung zu haben. Wenn eine schwere allergische Reaktion vorliegt, kann jede Minute zählen“, erklärt Cristina Azevedo Pereira.
Bei der fünften Station geht es in Fallbeispielen um Erkrankungen, mit denen die Jugendlichen vielleicht schon selbst Erfahrungen gemacht haben – oder die ihnen im Alltag begegnen können. Wie verhält man sich, wenn jemand eine Panikattacke, einen Herzinfarkt oder einen epileptischen Anfall bekommt? Und wann muss der Rettungsdienst über die 112 gerufen werden? Neben grundlegenden Informationen bleibt auch hier viel Zeit für Fragen.
Und Fragen haben die Schülerinnen und Schüler einige. Manche wissen bereits erstaunlich viel, andere sind zum ersten Mal mit solchen Situationen konfrontiert. Zwischendurch wird gelacht, ausprobiert und diskutiert. Denn Erste Hilfe muss nicht trocken oder kompliziert vermittelt werden. Je selbstverständlicher Jugendliche mit dem Thema umgehen, desto eher trauen sie sich im Ernstfall auch zu helfen.
„Wir möchten den Schülerinnen und Schülern vor allem die Angst nehmen, etwas falsch zu machen“, fasst Mario Ziebell zusammen. „Wenn ein Mensch bewusstlos ist und nicht mehr normal atmet, ist Nichtstun die schlechteste Option. Jeder kann die 112 wählen und mit der Herzdruckmassage beginnen.“
Mit der „Woche der Wiederbelebung“ gehen die medius KLINIKEN deshalb ganz bewusst in die Schulen. Nach dem Auftakt am Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim und dem Besuch am Robert-Bosch-Gymnasium in Wendlingen bildet das Schlossgymnasium in Kirchheim den Abschluss der diesjährigen Aktion. Ziel ist es, junge Menschen frühzeitig für Erste Hilfe und Wiederbelebung zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen: Im Notfall muss man kein Profi sein, um einen wichtigen Unterschied zu machen.
Denn wenn es wirklich darauf ankommt, zählt nicht, ob jeder Handgriff perfekt sitzt. Es zählt, dass jemand hilft.