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Neuer Kiefer aus Wadenbein

15.07.2014 13:25 Uhr

War es Zufall? Oder doch eher Fügung? Der 34 Jahre alte Jimmy Sein ist Fremdenführer in Mandalay, der zweitgrößten Stadt Myanmars (früher Burma): Im November 2013 führt er eine kleine Gruppe von sechs Touristen durch seine Stadt, offensichtlich alles Freunde aus der Studentenzeit. Beim Essen entwickelt sich ein Gespräch mit Einem der Gruppe. Jimmy erzählt von seiner Familie – acht Geschwister, drei davon bereits jung gestorben. Und von seiner älteren Schwester San Mya, die einen Tumor im Mund hatte. Vier Operationen musste sie durchleiden, jetzt fehlt ihr das halbe Gesicht. Der Tourist bat Jimmy, seine Schwester am Abend ins Hotel zu bestellen. Erst dort enthüllt dieser, dass er Arzt ist: Professor Dr. Dr. Dr. h. c. Konrad Wangerin, bis vor kurzem Senior Director in der Klinik für Gesichts-, Kiefer- und Wiederherstellungschirurgie des Paracelsus-Krankenhauses in Ruit, zuvor Chefarzt am Marienhospital und einer der weltweit bekanntesten Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen.

Wangerin spricht lange mit San Mya, der man die Hoffnung auf eine Rekonstruktion des Unterkiefers genommen hatte. Es gibt dort weder eine Krankenversicherung noch ein Gesundheitssystem. Wangerin sagt, in Deutschland gibt es neue Möglichkeiten der Wiederherstellung des Gesichts. Er könne sich vorstellen, die 41jährige nach Ostfildern zu holen, um den Unterkiefer wieder herzustellen und ihrem deformierten Gesicht wieder ein normales Aussehen zu geben. Jimmy schmunzelt: „Ich habe das nicht wirklich geglaubt, es ist ja sehr teuer.“ Einen Monat später kam die erste E-Mail von Wangerin und dann ging es Schlag auf Schlag. Tickets und Visa wurden besorgt, Röntgenbilder versandt. Am 24. Juni landeten San Mya und ihr Bruder Jimmy in Stuttgart. Beide bezogen eine Wohnung in einem Schwesternwohnheim beim Paracelsus-Krankenhaus. Das Team der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen begann mit den umfangreichen Vorarbeiten für die Operation. Ein dreidimensionales Bild des Schädels muss erstellt werden, um die Operation exakt planen zu können. Wangerin erklärt: Aus dem Wadenbein wird Knochen entnommen und dem fehlenden Kieferknochen nachgebildet. In einer 10stündigen Operation hat inzwischen Chefarzt Dr. Dr. Dr. Winfried Kretschmer mit seinem Team, unterstützt von einem erfahrenen Chirurgen der Berliner Charité, das Wadenbein mittels eines neuen 3D-Verfahrens in einen halben Unterkiefer umgeformt, wieder eingesetzt, die Blutgefäße mit dem Mikroskop angeschlossen und damit das Gesicht wieder symmetrisch gestaltet. „Danach hat das OP-Team um Dr. Kretschmer die Patientin auf der Intensivstation Tag und Nacht kontrolliert, um die Blutversorgung des neuen Unterkiefers sicherzustellen, damit dieser auch einwachsen kann“, beschreibt Wangerin das weitere Vorgehen. Wenn alles klappt, kann San Mya nach drei Monaten zurück in die Heimat. Und später können Zahnimplantate die in dem „neuen Kieferknochen“ fehlenden Zähne ersetzen. Wangerin hat 1997 noch im Marienhospital gemeinsam mit 19 Kollegen und Sympathisanten  den „Förderverein Faziale Fehlbildungen“ gegründet, um derartige komplexe Eingriffe bei Patienten zu finanzieren, die selbst keinen Zugang zur Hightech-Medizin unserer westlichen Welt haben oder denen das Geld hierfür fehlt. Ein gutes halbes Hundert solcher Fälle haben die Spezialisten um Wangerin und Kretschmer bereits operiert. San Mya, die als buddhistische Nonne mit kahl geschorenem Kopf in einem buddhistischen Kloster lebt, hat hier, auf den Fildern, ein neues Gesicht bekommen und kann bald dort, in Mandalay, der Mitte Myanmars, ein neues Leben beginnen.

Bild: Vor der Operation im Paracelsus-Krankenhaus von links: Professor Dr. Dr. Dr. h. c. Konrad Wangerin, die Patientin San Mya, ihr Bruder Jimmy und Kathleen Weber, die für die Klinik für Gesichts-, Kiefer und Wiederherstellungschirurgie die Operation organisiert

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