Medius Kliniken Kirchheim, Ruit und Nürtingen

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Soforthilfe nach sexueller Gewalt

07.12.2021 08:42 Uhr

Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, können sich ab Dezember an der medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT medizinisch versorgen und Spuren sichern lassen. Die Betroffenen müssen dafür keine polizeiliche Anzeige erstatten. Die Beweise werden grundsätzlich ein Jahr lang gesichert und können gerichtlich verwendet werden.

Im Landkreis Esslingen wurden 2020 insgesamt 313 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. Dazu zählen Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe, sexuelle Belästigung. Nur wenige Betroffene entschließen sich, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Dunkelfeldstudien zeigen, dass etwa alle drei Minuten eine Frau in Deutschland vergewal-tigt wird und nur etwa fünf Prozent dieser Vorfälle angezeigt werden. Aus Scham oder aus Angst vor einem langwierigen Strafverfahren lassen sich die meisten Vergewaltigungsopfer nicht medizinisch versorgen. Sind die Täter nahe Verwandte, aus dem Kollegenkreis oder ist es sogar der Partner fällt die Entscheidung, eine Anzeige zu erstatten, sehr schwer. An der medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT soll diesen Frauen der Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtert werden. Am 6. Dezember dieses Jahres startet dort das Angebot der  anzeigenunabhängigen Spurensicherung im Landkreis Esslingen.

Das neue Angebot wurde gemeinsam mit den medius KLINIKEN, insbesondere Dr. Michael Burkhardt, dem Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Barbara Straub, der Beauftragten für Chancengleichheit der Stadt Esslingen, der Zentralen Kriminaltechnik des Polizeipräsidiums Reutlingen, den Beratungsstellen Wildwasser Esslingen e.V. und Kompass Kirchheim sowie Astrid Spurk, Sozialhilfeplanerin des Landkreises Esslingen erarbeitet. Dr. Michael Burkhardt betont: „Uns geht es in erster Linie um die medizinische Versorgung von Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall und sollte fachärztlich versorgt werden. In der medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT bekommen die Betroffenen die notwendige Hilfe.“ 

Die medizinische Untersuchung nach einer Gewalttat sollte zeitnah erfolgen, maximal 72 Stunden nach dem Vorfall, damit Beweise für eine Strafanzeige gesichert werden können. In Ruit können Spuren und Beweise durch Ärztinnen und Ärzte gesichert werden, unabhängig davon, ob eine Anzeige erstattet wird. Die Betroffenen entscheiden, ob und wann sie eine Anzeige erstatten möchten. 

Die gesicherten und fachgerecht asservierten Spuren können bei einer späteren Anzeige für die Strafverfolgung verwendet werden. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass die Beweise gerichtsfest sind. Dies verlangt eine hohe Qualität der Spurensicherung, der Transportdokumentation und der Lagerung der Beweismittel. Deshalb ist die Rechtsmedizin der Gewaltambulanz Heidelberg ein wichtiger Kooperationspartner. Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner von dort unterstützen die Ärzteschaft in Ruit fachlich. In Heidelberg werden auch die gesicherten Spuren fachgerecht für mindestens ein Jahr gelagert. 

„Die Betroffenen sollten nach der medizinischen Versorgung und der Spurensicherung nicht auf sich allein gestellt bleiben“, sind sich die Beraterinnen Claudia Weist-Brockhaus von Wildwasser Esslingen e.V. und Angelika Schönwald-Hutt von Kompass Kirchheim einig. Sie übernehmen die psychosoziale Beratung von Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben - wenn diese es wünschen. Bereits im Krankenhaus erhalten die Betroffenen Informationen zum Hilfenetzwerk im Landkreis Esslingen und werden an spezialisierte Fachberatungsstellen weitervermittelt.

„Ich bin hoch erfreut darüber, dass wir dieses Angebot in der Region an einer Klinik in unserem Verbund etablieren können“, sagt Landrat Heinz Eininger, gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der medius KLINIKEN. „Ein solches Vorhaben kann nur gelingen, wenn Kooperationen gebildet werden und gut aufeinander abgestimmt sind. Und dies ist im Landkreis Esslingen der Fall.“

Bereits 2018 war eine Initiative von der Stadt Esslingen ausgegangen. Aber erst mit dem Engagement des Chefarztes für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Dr. Michael Burkhardt, wurde die anzeigenunabhängige Spurensicherung an der medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT im gemeinsamen Klinikverbund des Landkreises möglich gemacht. Das Vorhaben wird finanziell durch Fördermittel der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen unterstützt, beispielsweise für die Anschaffung von Spurensicherungskits und die Erarbeitung von Dokumentationsbögen. Darüber hinaus bringen die Kooperationspartner viel Eigenleistungen ein, da die Verhandlungen des Landes mit den Krankenkassen über dieses Angebot nach wie vor andauern und die Kosten für Behandlung, Nachsorge, sowie den Transport der Beweismittel bisher nicht übernommen werden. „Wir freuen uns, dass dieses wichtige Vorhaben endlich losgeht“, so der Esslinger OB Matthias Klopfer.

In Deutschland gibt es derzeit weder eine bundesweit standardisierte Vorgehensweise noch ein flächendeckendes Angebot für die Akutversorgung nach sexueller Gewalt. Nur in wenigen Kommunen und Landkreisen gibt es eine standardisierte Versorgung nach sexueller Gewalt wie nun im Landkreis Esslingen. In Baden-Württemberg sind Modellvorhaben an elf Standorten geplant oder in der Umsetzung, das nächste ist in Winnenden (Rems-Murr-Kreis). 


Informationen und Kontakt zur „anzeigenunabhängige Spurensicherung“ 
Homepage: www.gewalt-spuren-sichern.de
Flyer: "Sexuelle Gewalt hinterlässt Spuren..."
medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT    Telefon: 0711 / 44 88-0 
Kompass Kirchheim                           Telefon: 07021 / 6132
Wildwasser Esslingen e.V.                 Telefon: 0711 / 35 55 89

 

Die Initiatoren und Unterstützer des Projektes
Bildunterschrift (v.l.n.r.):
Philipp Henßler (Klinikleiter, medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT), Dr. med. Michael Burkhardt (Chefarzt, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT), Prof. Dr. phil. Julia Gebrande (Vorstandsfrau, Wildwasser Esslingen e.V.), Angelika Schönwald-Hutt (Leitung der Fachberatungsstelle, Kompass Kirchheim), Barbara Straub (Amtsleitung Referat für Chancengleichheit, Esslingen), Astrid Spurk (Sachgebietsleitung, Kreissozialamt-Sozialhilfeplanung, Landratsamt), Dr. med. Hanna Sommer (Assistenzärztin, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT), Heinz Eininger (Landrat LK Esslingen, Aufsichtsratsvorsitzender der medius KLINIKEN gGmbH), Matthias Klopfer (Oberbürgermeister, Stadt Esslingen)

 

 

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